• Ferdinand Uth

Alvaro Rojas im Interview – Ich habe meinen Job gekündigt, um die Welt zu bereisen (VICE)

Aktualisiert: 8. Dez 2019



@Alvaro Rojas in Somaliland, via Instagram


"Wir alle haben dieses unstillbaren Durst, Bedeutung in unserem Leben zu finden. Viele junge Leute haben den Traum ihren Job zu kündigen und ihre Leidenschaft zu verfolgen, ob es Reisen ist oder etwas anderes." Mit diesen Worten begann ein langes Gespräch zwischen uns und Alvaro Rojas alias wanderreds, einem 29 Jahre jungen Mann, der versucht, den Weltrekord für den jüngsten Spanier, der jedes Land der Erde besucht hat, zu brechen. Bekannt wurde Alvaro über Instagram, wo er immer wieder Bilder seiner neuesten Reiseziele postete. Zunächst, während er noch in Vollzeit arbeitete.


Als CFO (chief financial officer) in bereits sehr jungen Jahren arbeitete er für den westafrikanischen Zweig einer Öl- und Gasfirma. Doch da er in Europa Familie hatte, bekam er das Angebot, jeden Monat nach Hause fliegen zu können. Für gewöhnlich arbeitete er die ersten zwei Wochen jedes Monats in Afrika, da die meisten Aufgaben in diesem Zeitraum anfielen und machte viele Überstunden, welche er dann als zusätzliche freie Tage gutgeschrieben bekam. Wann immer er konnte, legte er diese Tage ans Monatsende und nutze sie, um Europa, Nordafrika und Arabien zu bereisen. Um das zu ermöglichen, brauche man einen Job mit guten Konditionen, so Alvaro. "Man muss das ganze Jahr durchplanen, damit es funktioniert. Aber es ist natürlich ein sehr stressiges Leben, da man immerzu unterwegs ist."

Seine große Leidenschaft war das Reisen, das wusste er schon lange. Doch es sei nicht unbedingt notwendig oder für jeden das 100% Richtige, direkt zu kündigen und loszuziehen.


Seine Leidenschaft zu reisen begann jedoch bereits als Jugendlicher.



VICE: Welche Reiseerfahrung hat dein Leben von heute auf morgen komplett verändert?

Alvaro: Es gab zwei große Wendungen in meinen Reisen. Als ich 17 war und gerade mit der Oberstufe fertig wurde, planten meine Freunde und ich einen Eurorail-Trip um viele coole Länder zu besuchen und hatten einen riesigen Trip geplant. Italien, Griechenland, die Türkei, der perfekte Sommer mit Freunden. Aber während ich mit guten Noten abschloss, waren ihre … eher weniger gut, und sie mussten den Sommer über zu Hause bleiben und lernen. Und ich saß zu Hause und dachte: Verdammt, all die harte Arbeit für diesen Trip und jetzt klappt es nicht, nur weil sie sich nicht genug angestrengt hatten. Und dann dachte ich mir: Warum aufgeben? Ich mache es trotzdem. Ich habe die Planung etwas verändert, nicht nur Spaß und Party, sondern auch ein bisschen Stille und Natur - und bin nach Schweden und Norwegen gefahren. Da wurde mir klar: Wenn du etwas wirklich willst, warte nicht darauf, dass andere Leute mitziehen - wenn es klappt, dann ist das perfekt, aber im Zweifel musst du es auch alleine machen.

Der zweite Moment war nicht allzu lange danach. Als ich 19 war, habe ich angefangen nach abenteuerlicheren Zielen zu schauen. Als ich eine Dokumentation über den Mount Everest gesehen habe, dachte ich: Ich wünschte, ich wäre dort." Also habe ich angefangen nachzuforschen, natürlich mit ganz wenig Geld. Schlussendlich flogen zwei Freunde und ich nach Indien, von dort nach Nepal und weiter nach Tibet und sind wirklich zum Everest gekommen. An diesem Punkt dachte ich: Egal wie weit entfernt ein Ziel wirkt, wenn du motiviert bleibst und an deinen Träumen festhältst, kannst du machen was immer du willst. Keine Grenzen.













Mount Everest, Tibet


Inzwischen hast du deinen Job allerdings gekündigt und reist in Vollzeit, gibt es einen Grund dafür - dein alter Lebensstil war doch gut?

Genau! Normale Menschen würden denken: Wow, du hast diese Sache und sie funktioniert. Tatsächlich war es eine Kombination von Gründen: Mein Ziel, mein ultimatives Ziel war es, jedes Land dieser Erde zu besuchen. Darüber hinaus habe ich Familie, ich bin verheiratet und wünsche mir irgendwann Kinder. Am Anfang konnte ich beides noch miteinander verbinden. Ich reiste zu den Ländern in der Nähe, alles sehr touristen-freundliche Länder. Aber irgendwann kommst du zu Ländern, die einfach eine große finanzielle und logistische Hürde darstellen. Wenn ich also zum Beispiel zum Südpazifik wollte, hätte ich alle Urlaubstage eines Jahres zusammenlegen müssen und es hätte vielleicht trotzdem nicht für alle Länder gereicht. Also hätte das viel Zeit gekostet und wäre auch unfair meiner Frau gegenüber gewesen, alle Urlaubstage auf einmal zu nehmen - und dann zum Teil in Ländern, die sie nicht unbedingt sehen möchte. Wenn ich zu einem Ort der Erde reise, möchte ich dort alles sehen. Und das ging so nicht auf. Familie, Geld, Zeit - das alles funktionierte so nicht.

Außerdem begann zu diesem Zeitpunkt mein Instagram-Account wirklich groß zu werden. Instagram ermöglicht es mir, gratis zu reisen - und das geht vielleicht nur jetzt, weil Sponsoren momentan viel Geld investieren. Wer weiß, ob sich das in ein paar Jahren ändert. Außerdem hatte ich nie die Angst, wenn es nicht funktioniert, zu meinem Job zurückzukehren oder einen neuen zu suchen. Wenn dein Job deiner Leidenschaft im Weg steht und du in deinem Job unglücklich bist: such dir einen anderen - du bist nicht an deinen Job gebunden. Wenn du es wirklich willst: mach es, du bist jung. Wenn nicht jetzt, wann dann?


Wie reagierten Familie und Freunde darauf?

Ich war im Prinzip der jüngste CFO in meiner Firma und habe das einfach hingeworfen. Vor allem mein Vater hatte diese Vorstellung von einem sicheren, stabilen Leben für mich - und das ist okay, Eltern machen sich eben Sorgen. Sie wollen nicht, dass einem etwas zustößt - aber du musst dir das Leben ermöglichen, von dem du träumst. Deine eigenen Fehler und Erfahrungen machen. Natürlich habe ich mit meinen Eltern darüber gesprochen, aber ich habe ihnen nicht die Entscheidung überlassen. Die einzige Meinung die wirklich wichtig war, war die meiner Frau. Sie weiß aber, dass es mein Traum ist und unterstützte mich. Meine Freunde haben die Entscheidung sehr unterstützt. Mein bester Freund hat tatsächlich auch seinen Job gekündigt und wird mich jetzt drei Monate lang begleiten. Wir alle müssen am Ende unseren eigenen Weg finden.


Durch dein Ziel musst du auch in Kriegsgebiete oder zumindest Konfliktzonen reisen - macht dir das manchmal Angst?

Ich habe auf jeden Fall Respekt davor. Es gibt manche Vorsichtsmaßnahmen, die man treffen sollte. Aber oft empfehle ich sogar Leuten diese Länder zu besuchen. Natürlich sollte man sich nicht in gefährliche Situationen bringen und diese Länder sind nicht so sicher wie Deutschland zum Beispiel, aber in Realität ist die Lage vor Ort ganz anders, als es die Medien darstellen. Sie zeigen immer nur das Schlechte. Deshalb bekomme ich auch Nachrichten aus den USA: "Ist es sicher, durch Europa zu reisen?" weil deren Medien nur die schlechten Sachen zeigen - dabei ist Europa sehr sicher. Wir sind von Natur aus ängstlich - solang man aber ein paar Dinge beachtet, ist man ziemlich sicher. Man sollte nicht allzu viele Informationen an Fremde geben, einen Plan B haben, das Gebiet kennen, sichere Orte wie Hotels kennen, Nachts nicht alleine rausgehen und Vertrauen zu den Einheimischen aufzubauen. Natürlich hilft es auch, viele Follower zu haben. Als ich im Irak war, kontaktierten mich Follower und sagten mir, welche Orte gefährlich sind. Also wenn du dorthin fährst, erkundige dich vorher genau, kontaktiere Einheimische und bezahle für ein Hotel lieber etwas mehr.


Was war die beängstigendste Erfahrung auf deinen Reisen?

Es gab ein Paar … ich erinnere mich an eine in Tibet. Wir hatten einen Fahrer und einen Guide. Nur der Guide sprach Englisch, aber er hatte eindeutig ein paar psychische Probleme. Wir hatten eines Tages eine Diskussion: Es gab einen Treffpunkt, den wir wohl verpassten. Wir mussten die Agentur anrufen, damit sie 2-3 Kilometer zurückkamen und uns holen. Er sagte, er wolle mehr Geld für das Benzin und ich meinte: Was solls, geben wir ihnen $10 oder so. Aber sie wollten immer mehr und mehr. Ganz offensichtlich hatten sie diese fixe Idee, uns auszunehmen. Wir waren mitten in den Bergen, die Konversation wurde hitzig und sie hielten an und zückten ein Messer. Hätten sie uns aus dem Auto geworfen, hätte nie jemand davon erfahren. Allerdings gibt es in Tibet diese Regel, dass man am Ende der Reise nur zusammen mit dem Guide an die Grenze kommen kann. Und beide müssen zur gleichen Zeit da sein. Also sagte ich: "Was passiert, wenn wir dann nicht da sind? Die haben all deine persönlichen Daten. Du wirst dein Leben ruinieren." Als er es verstand, beruhigte er sich und wir fuhren weiter. Danach wollten wir natürlich möglichst Abstand von ihnen halten und meinten einfach an der Grenze: "Lasst uns einfach hier gehen." Dabei war er am Ende plötzlich ganz freundlich und umarmte uns "Freunde, gibt uns eine gute Bewertung, ja?" Und ich dachte mir, "man, ihr habt uns fast niedergestochen, was erwartet ihr?"


Welches Land hatte bisher die nettesten Leute? Und welches die unfreundlichsten?

Ich will das natürlich nicht verallgemeinern, aber meiner Meinung nach waren die nettesten Länder die Philippinen und Iran.

Die Länder, die keinen so guten Eindruck gemacht haben waren Somalia und Djibouti. Sie verboten mir, Bilder zu machen und in Somalia wurde ich wegen eines Bildes bedroht. Ich glaube nicht, dass sie es wirklich gemacht hätten, aber ich bekam Sachen zu hören wie: "Wenn er ein Bild macht, bringen wir ihn um."

In Djibouti war es ähnlich. Du brauchst eine Polizei-Genehmigung um Bilder zu machen und fühltest dich unwohl. Sie sind keine Touristen gewohnt, deshalb sind die meisten Einwohner feindselig. Ich hoffe, das ändert sich in der Zukunft. Aber ich habe in beiden Ländern auch nette Menschen getroffen.


Was ist das lustigste, was jemals auf einer deiner Reisen passiert ist?

Ich habe das Glück, meistens mit guten Freunden zu reisen, weshalb immer etwas lustiges passiert. Wir haben zum Beispiel diese Wetten: "Für wieviel Geld würdest du das und das machen?"

Wir waren gerade in Botswana unterwegs und fuhren in wackeligen Einpersonen-Booten über diesen schlammigen See. Der war zwar nicht tief, aber super dreckig. Sehr viele Algen und so. Wir fragten: "Für wieviel Geld würdest du da rein springen?" Einer unserer Freunde sagte irgendwas wie 80€. Also legten wir zusammen und er, komplett verrückt, sprang aus dem Boot in den See. Die ganzen Afrikaner, die um uns herum waren, verstanden nicht, was passiert war. Sie hatten noch nie jemanden in dieses Wasser springen sehen und viele dachten er wäre gestolpert und reingefallen. Sie waren total besorgt, ob er schwimmen kann, denn dort schwimmt normalerweise niemand.


In Äthiopien



Was sind die drei Dinge, die du auf jeder Reise unbedingt mitnehmen möchtest?

Kamera, iPhone und Medikamente. Du wirst immer irgendwann krank von dem Straßenessen. In solchen Fällen kann sich Medizin als wahrer Lebensretter erweisen.


Welches Reiseziel empfiehlst du für 2018?

Die Philippinen. Nette Leute, tolle Landschaft und Strände an denen man tauchen und schnorcheln kann. Viel zu sehen - der perfekte Ort für einen tollen Trip mit Freunden. Außerdem Japan. Ein Ort, den jeder Mal bereisen sollte. Sie haben eine total interessante Kultur - und das Essen ist super lecker!



Der jüngste Spanier, der alle Länder der Welt bereist - Denkst du, du schaffst das?

Ich glaube wirklich, dass ich das schaffe. Der aktuelle Rekord belegt ein Mann, der es mit 46 geschafft hat. Also bleibt mir noch viel Zeit. Außerdem wird es jedes Jahr leichter dieses Ziel zu erreichen. Bessere Technik, mehr Flüge, geringere Kosten, Visas sind leichter zu bekommen und es sind relativ wenige Kriege. Selbst jetzt kann man noch Länder wie Syrien besuchen. Es gibt dort immer auch Orte, die relativ sicher sind. Genauso in Libyen und Jemen. Der Zeitpunkt ist günstig. Dennoch, in der Zukunft werde ich bestimmt irgendwann überholt werden, weil es eben immer leichter wird, dieses Ziel zu erreichen. Aber momentan ist niemand in meinem Alter auch nur in der Nähe des Ziels. Und ich habe Instagram und meinen Blog, die mir helfen. Es tickt keine Uhr.



Erschien ursprünglich bei VICE Snapchat. Alle Rechte liegen bei VICE DACH. Fotos via Instagram: @wanderreds, die Rechte liegen bei Alvaro Rojas.


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