• Ferdinand Uth

Burnout mit 23 (VICE)

Aktualisiert: 8. Dez 2019


Bild: @pexels


Der Lebensweg vieler Jugendlicher ist eigentlich schon bestimmt, bevor sie überhaupt wissen, was sie so wirklich anfangen wollen mit ihrem Leben. Die Schule mit bestmöglichen Noten und Abitur abschließen (denn: Ohne Abitur ist ja heutzutage überhaupt keine Selbstverwirklichung möglich!), dann direkt im Anschluss in die gewünschte Richtung spezialisieren. In Regelstudienzeit oder Lehrzeit abschließen, parallel statt Urlaub lieber unbezahlte Praktika in führenden Firmen der Branche machen. Und wenn man noch nebenbei jobben muss, dann am besten Qualifikationen sammeln, die gut zum gewünschten Berufsziel passen.


Dass diese Vorstellung nicht nur unrealistisch ist, sondern auch überfordert und schwere Folgen für die seelische Gesundheit haben kann, macht die Geschichte von Lukas klar.


Der 23 Jährige studiert Logistics Engineering in Wildau bei Berlin und führte eine Fernbeziehung. Er jonglierte Studium und Job, um Miete zahlen zu können und reiste so oft wie möglich quer durch Deutschland: "Ich habe versucht, mein Studium möglichst schnell durchzuziehen, um Zeit, zu meiner Freundin zu fliegen, freizuschaufeln - und das erzeugt natürlich Stress."

Als er dann im Dezember 2017 zu seiner Freundin flog, um sie mit einem Besuch zu überraschen, und diese am nächsten Tag mit ihm Schluss machte, brach dieses empfindliche Gerüst zusammen.

"Mein Flieger wäre eigentlich Montagabend zurückgegangen, aber plötzlich lag ich am Samstagabend im Nachtzug, völlig mit den Nerven fertig. Alles fühlte sich komisch an und ich wusste nicht, was los war - konnte es gar nicht einordnen. Danach fühlte ich mich nur noch leer. Ich habe das am Anfang gar nicht richtig realisiert, ich lag den ganzen Tag im Bett und kam nicht mehr hoch. Ich zog mich völlig zurück. Dann vergingen Wochen, der erste Monat, und als ich in die Prüfungsphase kam, wollte ich alles hinwerfen - ich war im letzten Semester und nichts davon war mir noch etwas wert. Es war eine riesige Erschöpfung, die sich da breit gemacht hat. Ja, ich war zu nichts mehr fähig, von den kleinsten Sachen extrem erschöpft. Ich habe meinen Werkstudentenjob gekündigt. Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ich depressiv war - und bin zur Therapie gegangen. Erst als ich wieder anfing, Sport zu treiben, viel rauszugehen und gesund zu leben wurde es besser."


Aber was ist ein "Burnout" eigentlich wirklich? Zwar steigen die Betroffenen-Zahlen und es wird immer wieder darüber diskutiert, aber offiziell gilt das Burnout-Syndrom noch nicht als Krankheit. Worin sich alle einig sind, ist dass Burnout mit massiver psychischer und körperlicher Erschöpfung einhergeht, Millionen Euro an Schäden verursacht und von einer erfolgsorientierten und gehetzten Arbeits- beziehungsweise Bildungswelt provoziert wird. Kein Wunder also, dass immer mehr Menschen davon träumen, auszusteigen und mit dem Rucksack durch die Welt zu ziehen. Und wenn die Betroffenen nur lange genug weitermachen, ohne den Stress kompensieren zu können, erlangt das Burnout Dimensionen von einer ausgewachsenen Depression. Während die Chance, ein Burnout zu erleiden, mit zunehmendem Alter steigt, gibt es dennoch auch immer mehr junge Betroffene. Nach einigen Schätzungen sind sogar bis zu 15% aller Jugendlichen zeitweise vom Burnout betroffen.


Aber wie kommt es dazu, dass Erwachsene wie Jugendliche immer schneller ausbrennen? Sich so erschöpft vom Alltagsstress fühlen, dass allein früh morgens aufzustehen wie eine große Herausforderung wirkt?


Ob jemand vom Burnout-Syndrom betroffen wird, hängt immer von der Persönlichkeit, aber auch von einigen äußeren Umständen ab. Besonders Menschen, die einen großen Hunger nach Anerkennung in sich haben, sind prädestiniert. Im Beruf oder der schulischen Leistung spiegelt sich dieses Streben nach Erfolg wieder, was an sich ja auch nichts Schlechtes ist. Wenn jedoch noch unrealistisch Hohe Ziele, Perfektionismus und ein Arbeitsumfeld, in dem Fehler oder Hilfsbedürftigkeit verurteilt werden ("Ich kann das nicht" ist derart verpönt, dass zwei Wochen Malle heutzutage als gute Spanischkenntnisse durchgehen) dazu kommen, ergibt sich der perfekte Nährboden für ein Burnout. Soweit, so schlecht. Dazu gesellen sich dann noch äußere Faktoren, wie zum Beispiel:


-Überlastung, weil immer weniger Personal immer mehr Aufgaben übernehmen soll;


-Fehlende Anerkennung aus dem Umfeld (Da immer der Vergleich und Selbstvergleich mit Anderen stattfindet, ob öffentlich oder auf Social Media);


-Nicht ausreichende Belohnungen;


-Mangel an Autonomie (Du arbeitest 12 Stunden am Tag auf das Ziel eines anderen hin, welches dich vielleicht nicht mal wirklich interessiert).


Bei Jugendlichen kommt dann noch die übersteigerte Erwartungshaltung der Eltern dazu, der allgemein gestiegene Leistungsdruck ("Wenn du dich jemals selbst verwirklichen möchtest, dann musst du Abitur machen") und in manchen Fällen Mobbing, das zu einer allgemeinen Stress- bzw. Angstsituation führt.


Du siehst dich irgendwo davon betroffen? Kein Wunder, immerhin sind diese Eigenschaften ganz normal oder passen zumindest zum heutigen Zeitgeist. Doch dieser Trend existiert schon eine ganze Weile. Also woran liegt es, dass gerade jetzt immer mehr Leute vom Burnout betroffen sind, zum Teil in sehr jungem Alter?


Zunächst einmal werden durch Soziale Netzwerke, vor allem Instagram, eine ungesunde, unrealistisch hohe Zielsetzung bestärkt. Dabei ist weniger der alltägliche Gebrauch, sondern das geschönte, vermittelte Bild eines perfekten Lebens das Problem. Jeder möchte reich, gutaussehend und gleichzeitig gesund und umweltbewusst leben. Dabei dann jeden Tag am Pool vor der Villa liegen und gleichzeitig noch eine erfolgreiche Karriere verwirklichen. Tagtäglich wird uns die Schokoladenseite des Lebens einiger Menschen als deren Alltag verkauft - und sie werden zu unseren Vorbildern. Selbstoptimierung (schöner, fitter, reicher) ist zum Lifestyle geworden und um uns diesem Ideal anzunähern, beteiligen wir uns an diesem Trend: Wir posten nur die schönen und glücklichen Seiten und Momente unseres Lebens und es wird weniger über Probleme geredet (Welche Probleme? In meinem Leben? Ich bitte dich!). Daher fühlen wir uns mehr und mehr mit dieser Last alleine gelassen. Das kostet Kraft oder führt sogar in manchen Fällen zu Bewältigungsmechanismen wie das Greifen zu Suchtmitteln oder selbstverletzendem Verhalten.


Außerdem ist durch die steigenden Anforderungen der Arbeitswelt (bzw. Bildungswelt) durch die Beschleunigung und den immer härteren Wettstreit der vielen Konzerne der Druck von außen, und damit auch die Belastung der Angestellten, immer größer geworden. Tendenz weiterhin steigend. Und so kommt es, dass während Firmenevents von "Teambuilding" und "Unternehmenskommunikation" gesprochen wird, Arbeitnehmer immer mehr entmenschlicht und ausgebeutet werden. Aber weil jeder ersetzlich ist, kann niemand zugeben, wie sehr dieses Firmenklima an den Nerven zerrt. Die Folge?

Man geht weniger aus, schottet sich ab, jede soziale Interaktion fühlt sich an wie ein Marathon und man hat Angst, dass irgendwann die Kraft nicht mehr reicht. Bis es dann irgendwann zu diesem Punkt an Ermüdung und Zermürbung kommt, an dem man Zusammenbricht. Burnout.


Frau Prof. Dr. Mehler-Wex sieht insbesondere für Jugendliche und junge Erwachsene eine Verschärfung der Situation. Sie sagte gegenüber VICE:

"Bei jungen Menschen ist das Heranwachsen wirklich herausfordernder geworden. Dazu tragen die öffentlichen Medien bei, die großen Druck ausüben, permanent präsent zu sein, schnell zu reagieren, und ein Leben vorzuführen, das möglichst attraktiv sein soll. Außerdem übt unsere Gesellschaft einen höheren Leistungsdruck aus, Eltern sind verunsicherter in der Erziehung und ziehen sich entweder völlig zurück oder mischen sich in alles ein. Studien sagen, dass es bei Jugendlichen in den 70er Jahren mit der Identitätsentwicklung bei 10% Probleme gab, heute sind es 26%. Das kann sich natürlich in burnout-ähnlichen Zuständen niederschlagen."


Für manche Schüler oder Studenten ist das, was für die meisten Betroffenen der Job ist, die Schule oder Universität. Einer Studie zufolge leiden 30% der Schüler unter Leistungsdruck, viele davon in Verbindung mit Stress-Symptomen wie Kopfschmerzen oder schlechterem Schlaf. Im Endeffekt sind junge Erwachsene eben genauso von inneren und äußeren Umständen betroffen, die ein Burnout auslösen, wie ältere Menschen. Gerade junge Menschen, welche durch eine Trennung der Eltern, Mobbing, Ausgrenzung oder ein geringes Selbstwertgefühl es schwierig finden, sich jemandem anzuvertrauen, können daher betroffen werden. Darüber hinaus sind Lehrer und Vertrauenslehrer derart ausgelastet (und zum Teil ja selbst Burnout-Betroffene), dass sie als Ansprechpartner auch nicht in Frage kommen oder sich nicht genug Zeit für jeden nehmen können.

Dazu kommt, dass hohe NC-Werte an vielen Universitäten eine hohe Messlatte setzen. Das Arbeitspensum, welches der Vollzeitarbeit eines Erwachsenen entspricht, in Verbindung mit dem oftmals selbst-produzierten Leistungsdruck, erhöht das Risiko enorm.


Laut Frau Prof. Dr. Mehler-Wex muss sich vor allem das schulische Umfeld verbessern, um den steigenden Tendenzen entgegenzuwirken. "Schulen müssten finanziell und strukturell als ein Hauptlebensort junger Menschen die Chance erhalten, sich attraktiver zu gestalten. Das heißt: mehr Personal und Anlaufstellen für psychische Probleme über kurze Wege, Programme zur Prävention von Mobbing beziehungsweise zur Lösung von Mobbing, Gestaltung der Schule nicht nur als Leistungsort, sondern auch als Ort für gemeinsame soziale Aktivitäten, zum Beispiel Hobbys und Freizeitangebote."


Zurück zu Lukas. Als er sich in seiner Krisenzeit befand, sah er sich gezwungen, seinen Werkstudentenjob und Wohnung zu kündigen und zurück zu seinen Familie zu ziehen, weil er sein Studium in Gefahr sah. Weil eben alles zu viel wurde, zu stressig, und er ausgebrannt war.


Denn selbst beim Nebenjob, welchen man nur hat, um Miete zahlen und weiter studieren zu können, wird inzwischen gefordert, 110% zu geben. Man darf nie einen Fehler machen und hat permanent das Gefühl, sich für das Erfüllen der Anforderungen ein Bein ausreißen zu müssen (beziehungsweise unbezahlte Überstunden zu schieben). Und mit Unternehmen, die vermehrt auf Freelancer und Click-Worker zurückgreifen, welche permanent darum bangen müssen, ihre Existenz mangels Aufträgen nicht mehr halten zu können, sieht die Arbeitswelt nach dem belastenden Studium auch nicht besser aus. "Flexible und moderne Arbeitsstrukturen" in einer Jobbeschreibung werden plötzlich vom Traum von Autonomie zum Alptraum der Existenzerhaltung. Und ohne Gewerkschaften, Arbeitsvertrag oder feste Hierarchien, die Rückhalt bieten, fühlt sich ein Selbstständiger sehr schnell alleingelassen und hilflos. Deshalb lautet auch das Lebensmotto immer mehr junger Menschen: "Erstmal ein bisschen Geld verdienen und dann erstmal schauen, was ich damit machen kann."


Im schlimmsten Fall wird die Burnout-Rate steigen, gerade auch unter Schülern und Studenten. Der Großteil der Gesellschaft wird weitermachen, sich selbst auszubeuten (natürlich mit dem Segen der jeweiligen Unternehmen) und dies dann als erfolgreiche Arbeitsmoral glorifizieren, bis sie entweder ausbrennen oder abstumpfen. Immer mit dem Hintergedanken, irgendwann ein Leben führen zu können wie die Social-Media-Stars. Und wenn sie dann merken, dass sie ihr ganzen Leben damit verbracht haben, die Träume eines Anderen zu verfolgen, entweder in die Midlife-Crisis zu stürzen oder dann in einem verzweifelten Versuch aufzuholen als Fünfzigjährige Bananen am Strand in Cuba zu verkaufen.


Im besten Fall können wir hoffen, dass sich mehr Menschen für die Prävention von Burnout einsetzen und Arbeitgeber in Zukunft die Gesundheit ihrer Angestellten und Leiharbeiter über ihre Effizienz zu stellen. Dass es einen gesunden und positiven Konsens gibt, ohne, dass die Arbeitswelt unter verkomplizierte Gesundheitsschutz-Gesetze gestellt wird.


Naja, man kann ja hoffen.



Falls du dich in einer oder mehreren dieser Schilderungen wiederfindest und befürchtest, dass du ein Burnout erleidest oder ähnliche belastende Gefühle durchlebst, teile dich deinem Arzt oder einem Therapeuten mit. Mehr Informationen findest du auch unter www.burnout-fachberatung.de.


Wenn Sie sich in einer verzweifelten Lage befinden, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge ( www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufgezeigt haben.


Ursprünglich erschienen auf VICE Snapchat. Alle Rechte liegen bei VICE DACH.

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